Eigentlich wollte ich schon immer nur Gedichte vortragen.
Doch mein Leben diktierte mir andere Regeln. Hier ist meine kleine Geschichte:
Das war ein riesiger Auftritt! Eine kleine Stadt in
Weißrussland. Ich stand alleine auf der Bühne, vor mir mindestens ein Tausend
Menschen. Ich trug das Gedicht vor, das „Revolution, Revolution“ hieß. Nachdem
ich die letzten Zeilen ausgesprochen hatte, hörte ich einen donnernden Applaus.
Ein Mädchen kam auf die Bühne und schenkte mir Blumen. „Zugabe, Zugabe“- schrie
das Publikum. Ich verstand nicht, was um mich herum los war. Ich war gerade
fünf geworden und habe nur das gemacht, was meine Mutter von mir verlangt hat:
ich sollte ein Paar Gedichte vortragen, die wir zusammen zu Hause einstudiert
hatten. Einen Tag später erfuhr ich, dass ich den Wettbewerb zum besten
Kindergedichtsrezitator gewonnen hatte. Ich durfte in einen Raum gehen, der mit Spielzeugen überfüllt war und mir selber eins aussuchen.
Ich denke, dass dieses Kindheitserlebnis meine Liebe zu Poesie geprägt hat. Doch nach diesem schönen Erlebnis habe ich mit Poesie lange nichts zu tun gehabt. Denn ich kam in die Schule und dieser Ort hatte seine eigenen Regeln. Da sollte ich ein Kerl sein (oder zumindest so tun als ob) und kein Weichei, das sich für Poesie
interessiert. Gedichte vortragen hatte da keinen Raum.
Erst als ich mit 19 nach Deutschland kam, habe ich mich der
Poesie gegenüber wieder geöffnet. Hier musste ich nicht vorgeben, jemand zu
sein, der ich nicht bin. Ich kannte hier niemanden und das war gut so, denn so
konnte ich mein Leben ganz von vorne beginnen. Ich beschloss Schauspieler zu
werden, weil ich beim Lesen einiger Texte merkte, dass es mich reizen würde,
diesen Texten Leben einzuhauchen. Es gab nur einen Haken. Wie sollte ich in
einem fremden Land Schauspieler werden? Gerade der Beruf, der perfekte Sprachkenntnisse abverlangt. Ich weiß nicht, wie es mir gelungen ist, aber nach drei Jahren Aufenthalt in Deutschland habe ich es geschafft an einer staatlichen Schule
einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Mittlerweile bin ich ausgebildeter
Schauspieler und arbeite an einem Theater.
Und endlich kann ich Gedichte vortragen. Mehr noch, ich kann
mir mein Leben ohne Gedichte nicht vorstellen. Sie geben mir oft Sinn zum
Weiterleben, auch wenn es pathetisch klingen mag. Ich muss einfach Gedichte vortragen, denn für mich sind es kleine Botschaften großer Lyriker, die ich weitertragen möchte. Und bei Gott, ich weiß, ich bin nicht der beste Rezitator. Und ich will mich als solcher nicht verkaufen. Immerhin spreche ich erst seit 9 Jahren Deutsch. Aber solange es Menschen gibt, die bereit sind, mir zuzuhören, solange lebt auch mein Wille diese kleine Botschaften weiterzuerzählen.
Und wie war das noch Mal? Eine kleine Stadt in Weißrussland.
Ich stand alleine auf der Bühne und vor mir mindestens ein Tausend Menschen.
Ich trug das Gedicht vor, das „Revolution, Revolution“ hieß. Nachdem ich die
letzten Zeilen ausgesprochen hatte, hörte ich einen donnernden Applaus. Ein
Mädchen kam auf die Bühne und schenkte mir Blumen. „Zugabe, Zugabe schrie das
Publikum“.
Wer weiß, vielleicht wiederholt sich das irgendwann…
Danke fürs Lesen
Euer RusseWagtKlassik