Die Beiden – Hofmannsthal – Text und Rezitation

Die Beiden – Hofmannsthal – Text

Sie trug den Becher in der Hand -
Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, daß es zitternd stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:
Denn beide bebten sie so sehr,
Daß keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.

Die Beiden - Hofmannsthal – Rezitation

 

Mailied – Goethe – Text und Rezitation

Mailied – Goethe -Text

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud’ und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd’, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb’, o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb’ ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud’ und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!

Mailied – Goethe – Rezitation

 

 

Der Handschuh – Schiller – Text und Rezitation

Der Handschuh – Schiller – Text

Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.
Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen
Und streckt die Glieder
Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behend
Ein zweites Tor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor.

Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend,
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.

Und der König winkt wieder;
Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das Tigertier;
Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf – da wird’s still;
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern sich die greulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leun
Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottender Weis’,
Wendet sich Fräulein Kunigund:
“Herr Ritter, ist Eure Lieb’ so heiß,
Wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf.”

Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehen’s die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück.
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick -
Er verheißt ihm sein nahes Glück -
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:
“Den Dank, Dame, begehr ich nicht!”
Und verläßt sie zur selben Stunde.

Der Handschuh – Schiller – Rezitation

 

 

Gedichte vortragen

Eigentlich wollte ich schon immer nur Gedichte vortragen.
Doch mein Leben diktierte mir andere Regeln. Hier ist meine kleine Geschichte:

Das war ein riesiger Auftritt! Eine kleine Stadt in
Weißrussland. Ich stand alleine auf der Bühne, vor mir mindestens ein Tausend
Menschen. Ich trug das Gedicht vor, das „Revolution, Revolution“ hieß. Nachdem
ich die letzten Zeilen ausgesprochen hatte, hörte ich einen donnernden Applaus.
Ein Mädchen kam auf die Bühne und schenkte mir Blumen. „Zugabe, Zugabe“- schrie
das Publikum. Ich verstand nicht, was um mich herum los war. Ich war gerade
fünf geworden und habe nur das gemacht, was meine Mutter von mir verlangt hat:
ich sollte ein Paar Gedichte vortragen, die wir zusammen zu Hause einstudiert
hatten. Einen Tag später erfuhr ich, dass ich den Wettbewerb zum besten
Kindergedichtsrezitator  gewonnen hatte. Ich durfte in einen Raum gehen, der mit Spielzeugen überfüllt war und mir selber eins aussuchen.

Ich denke, dass dieses Kindheitserlebnis meine Liebe zu Poesie geprägt hat. Doch nach diesem schönen Erlebnis habe ich mit Poesie lange nichts zu tun gehabt. Denn ich kam in die Schule und dieser Ort hatte seine eigenen Regeln. Da sollte ich ein Kerl sein (oder zumindest so tun als ob) und kein Weichei, das sich für Poesie
interessiert. Gedichte vortragen hatte da keinen Raum.

Erst als ich mit 19 nach Deutschland kam, habe ich mich der
Poesie gegenüber wieder geöffnet. Hier musste ich nicht vorgeben, jemand zu
sein, der ich nicht bin. Ich kannte hier niemanden und das war gut so, denn so
konnte ich mein Leben ganz von vorne beginnen. Ich beschloss Schauspieler zu
werden, weil ich beim Lesen einiger Texte merkte, dass es mich reizen würde,
diesen Texten Leben einzuhauchen. Es gab nur einen Haken. Wie sollte ich in
einem fremden Land Schauspieler werden? Gerade der Beruf, der perfekte Sprachkenntnisse abverlangt. Ich weiß nicht, wie es mir gelungen ist, aber nach drei Jahren Aufenthalt in Deutschland habe ich es geschafft an einer staatlichen Schule
einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Mittlerweile bin ich ausgebildeter
Schauspieler und arbeite an einem Theater.

Und endlich kann ich Gedichte vortragen. Mehr noch, ich kann
mir mein Leben ohne Gedichte nicht vorstellen. Sie geben mir oft Sinn zum
Weiterleben, auch wenn es pathetisch klingen mag. Ich muss einfach Gedichte vortragen, denn für mich sind es kleine Botschaften großer Lyriker, die ich weitertragen möchte. Und bei Gott, ich weiß, ich bin nicht der beste Rezitator. Und ich will mich als solcher nicht verkaufen. Immerhin spreche ich erst seit 9 Jahren Deutsch.  Aber solange es Menschen gibt, die bereit sind, mir zuzuhören, solange lebt auch mein Wille diese kleine Botschaften weiterzuerzählen.

Und wie war das noch Mal? Eine kleine Stadt in Weißrussland.
Ich stand alleine auf der Bühne und vor mir mindestens ein Tausend Menschen.
Ich trug das Gedicht vor, das „Revolution, Revolution“ hieß. Nachdem ich die
letzten Zeilen ausgesprochen hatte, hörte ich einen donnernden Applaus. Ein
Mädchen kam auf die Bühne und schenkte mir Blumen. „Zugabe, Zugabe schrie das
Publikum“.

Wer weiß, vielleicht wiederholt sich das irgendwann…

Danke fürs Lesen

Euer RusseWagtKlassik